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MuD Tierschutz

Die Balance zwischen Weide- und Stallfütterung finden

Die Balance zwischen Weide- und Stallfütterung finden

Was muss bei der Futterumstellung beachtet werden und welche Methoden zur Bewertung der Tiergesundheit und der Futteraufnahme gibt es?

Bevor die Weidetore auf den bundesweiten Milchviehbetrieben geöffnet wurden, organisierte das Grünlandzentrun Niedersachsen/Bremen e.V. am 09.03.2022 im Rahmen des durch das BMEL Projektes "Verbesserung des Tierwohls bei Weidehaltung von Milchviehbetrieben" einen Farmwalk zum Thema "Futterumstellung: Von der Stall- zur Weidefütterung". Der Farmwalk fand auf dem Modell- und Demonstrationsbetrieb Tierschutz von Familie Anke und Hans-Dieter Bruns statt, zu dem 24 interessierte Landwirte, Berater und Berufsschüler gekommen waren. Der erfahrene Landwirt betonte gleich zu Beginn seiner Betriebsvorstellung: "Meine Kühe müssen es im Stall genauso gut haben wie auf der Weide".

Das Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen e.V. organisiert schon seit 2017 die sogenannten Farmwalks auf innovativen Weidebetrieben und lädt dazu themenbezogene Experten ein, die über neue Erkenntnisse und Praxistipps zum Weidemanagement berichten. Seit 2021 finden die Farmwalks zu den Themen Tierwohl und Weide statt, welche durch das BMEL gefördert werden. Die Veranstaltungen finden auf den Modell- und Demonstrationsbetrieben (MuD-Betriebe) statt, die in Begleitung von Wissenschaftlern und Experten das Tierwohl auf der Weide durch z.B. Investitionen in die Weideinfrastruktur verbessern möchten.

Der Betrieb der Familie Bruns ist einer von neun bundesweiten MuD-Betrieben, die in der kommenden Weidesaison Weidetränken installieren und mithilfe von Qualitäts- und Quantitätserhebungen auf dem Grünland, den Tieren das bestmögliche Weidefutter zuteilen möchten. Erste Erfahrungen und Anregungen konnte der Betrieb durch den intensiven Austausch mit anderen MuD-Betrieben bereits während des ersten Projektjahres sammeln. Die neun MuD-Betriebe unterscheiden sich durch die Intensität des Weidegangs und mit dem im Zusammenhang stehender Aufnahme von Frischgras. Die Betriebe können in drei Weideintensitäten unabhängig vom Weidesystem unterschieden werden (siehe Tabelle).

Der Gemischtbetrieb der Familie Bruns in Apen (Landkreis Ammerland, Niedersachsen) umfasst 150 ha Acker- und Grünlandfläche, 160 hochleistende Milchkühe und ihre Nachzucht, sowie Masthähnchen. In der Regel werden die Milchkühe ab April auf die 35 ha arrondierten Weideflächen (Dauergrünland und Ackergras mit Klee) für ca. 8 Stunden am Tag getrieben. Während der Weidesaison 2021 haben die Universität Göttingen mit dem Betriebsleiter sowie seinen beiden Lehrlingen intensiv den Weideaufwuchs gemessen und regelmäßig die Frischgrasqualität erhoben. Die Ergebnisse zeigen, dass die Weide von Mai bis September zu einem Drittel seiner Milchproduktion (ECM kg) ausmacht (siehe Abbildung).

Vor Weidebeginn ist es wichtig, die Grasnarbe gut vorzubereiten und die Fütterung langsam auf die baldige Zufuhr an Frischgras anzupassen, um den Stoffwechsel der Tiere nicht zu belasten, erklärte Bruns den Teilnehmern. "Es ist ein tägliches Beobachten," fasst Hans-Dieter Bruns sein Tiermanagement im Stall und auf der Weide zusammen. Die Tiere erhalten nach dem Melken eine Ration aus Mais und Kraftfutter, welches über die Saison reduziert wird. Mais ist auch laut Fütterungsberater die passende Ergänzungsfütterung zum frischen Weidegras. Zum Anweiden gibt Bruns den Tieren eine kleinere Parzelle und treibt sie mit "vollem Pansen" aus. Die Tiere sollen sich langsam und stundenweise an die Weide und an die Futterumstellung gewöhnen. Im Mai reduziert Bruns den Proteinanteil im Kraftfutter und erhöht zum anderen den Rohfasergehalt der Ration und füttert je Tier 0,8 kg Stroh zu, "um den Pansen beschäftigt zu halten", erklärt Bruns. Selbst einen erfahrenen Weidebetrieb wie der von Hans-Dieter Bruns stellt jedes Jahr neue Herausforderungen. "Wir stochern hier manchmal auch im Nebel. Kein Jahr gleicht dem anderen.". Da ist der offene und ehrliche Austausch mit den anderen MuD-Betrieben besonders hilfreich, empfinden er und seine Frau: "Wenn ich nur in meiner Käseglocke sitze, bin ich ganz schnell betriebsblind. Ich muss mich auch in meinem Alter noch weiterbilden."

Beim Weiderundgang erklärte der im Projekt mitarbeitende Fütterungsberater Hannes Michael (Bioland NRW) worauf es beim Anweiden ankommt. Im Frühjahr sollten die Milchkühe zeitig aufgetrieben werden, um die Bestockung der wertvollen Gräser anzuregen und die hohen Futterqualitäten des jungen Grases auszunutzen. Außerdem sei es wichtig, nicht zwischen Beweidung und kompletter Aufstallung zu wechseln. Sobald die Tiere angeweidet haben, sollte ein stundenweiser Weidegang auch bei unbeständiger Witterung täglich ermöglicht werden, um den Stoffwechsel der hochleistenden Milchkühe nicht zu strapazieren.

Auch während der Weidesaison ist eine Tierkontrolle unerlässlich, betonte Hannes Michael. Gerade bei Herden mit hohen Milchleistungen sind die Ansprüche an die Weidequalität und die Zusammensetzung der Bestände hoch. Grundsätzlich ließe sich sagen, dass hochleistende Kühe homogene und gleichmäßige Weidebestände benötigen und je höher die Milchleistung sei, desto größer ist der Anspruch der Milchkühe an die Weide. Um zu kontrollieren, ob das Futterangebot aus Zufütterung und Weidegras ausreichend sind oder zur Kontrolle des eigenen Weidemanagements (Bsp.: richtige Weidezuteilung) können folgende Werkzeuge genutzt werden:

MLP-Auswertung und Molkereidaten

Beim Heranziehen von Einzeltierauswertungen sollten Daten im Zeitverlauf betrachtet und immer mit eigenen Beobachtungsergebnissen im Zusammenspiel ausgewertet werden, empfiehlt Hannes Michael. Denn Daten alleine, erklären nicht die komplexen Sachverhalte, die im Zusammenhang mit einer Fehlfütterung entstehen können. Für die Beurteilung der Fütterung sollten Grenzwerte wie F/E Quotient (>1,5 innerhalb der ersten 100 Tage = Ketose), Herden-Fett (> 3,8%), Herden-Eiweiß (>3,1) und Herden-Harnstoff (zwischen 150-250) herangezogen werden. Bei intensivem Weidegang ist es nicht unüblich und oftmals weniger unproblematisch, dass die Fettgehalte reduziert und die Harnstoffgehalte erhöht sind. Sinken allerdings Laktose und Fett- und Eiweißgehalte gleichermaßen stark, ist häufig eine zu geringe Futteraufnahme der Grund und sollte beobachtet werden.

Körperkonditions-Beurteilung (BCS)

Bei der Beurteilung der Körperkondition (Body-Condition-Score = BCS) wird durch visuelle Betrachtung und Ertasten die Körperfettauflage der Milchkuh bewertet. Sie gibt einen Hinweis über den Ernährungszustand und die Höhe der Körperreserven des Tieres. Die Methode sollte regelmäßig während der Laktation (ab dem 60 Tag) und nach der Geburt durchgeführt werden. Der Vergleich von BCS-Beurteilungen im Zeitverlauf kann rechtzeitig Fütterungsfehler aufzeigen und Stoffwechselerkrankungen oder Fruchtbarkeitsstörungen verhindern. Die Beurteilung erfolgt an verschiedenen anatomischen Punkten. Der Zustand des Tieres wird von <2,00 bis 4,75 bewertet.

Kotbeurteilung

Besonders nach Futterumstellungen wie zu Weidebeginn oder im Herbst sollte eine Kotkontrolle regelmäßig ca. einmal pro Woche erfolgen, da Veränderungen bereits nach wenigen Stunden bis Tagen zu erkennen sind. Hierfür können Parameter wie die Festigkeit des Kotes (optimal: mittelbreiig mit Vertiefung in der Mitte und leicht klebend am Stiefel) herangezogen werden. Sofern der Kot als "auseinanderlaufend" eingestuft wird, ist die Ration entweder zu kohlenhydratreich, zu viel Wasser befindet sich im Futter oder es wurde eine frische, junge Weide beweidet. Handelt es sich um eine feste Kotkonsistenz mit glänzenden Bestandteilen ist die Passagerate (Darmpassage) zu langsam, da die Ration zu viel Rohfaser und zu wenig Wasser enthält.

Ob die Kühe das Futter gut verwerten können, sei durch eine Siebanalyse des Kotes festzustellen und biete für jeden Betrieb ein kostengünstiges Verfahren an, so Hannes Michael. Mit seinen selbstgebauten Siebkisten, die unterschiedliche Siebstärken aufweisen, kann eine Kot-Mischprobe des Milchviehbestands Aufschluss über die Verwertung des angebotenen Futters geben. Die Siebe werden übereinandergestellt, wobei das gröbste Sieb auf dem Mittleren steht und beide wiederum auf dem feinsten Sieb. Maximal 20% der Kotbestandteile sollten sich im gröbsten Sieb wiederfinden, 20-30% der Fraktion darf im mittleren Sieb aufgefangen werden. Der Rest sollte idealerweise im untersten Sieb zu finden sein. Das Futter soll gut verdaut werden, im besten Falle sind alle Fasern in feine Bestandteile aufgeschlossen und unverdaute Stärkebestandteile, lange Blätter und Schleim sind nicht bis sehr wenig zu finden.

Warndreieck

Die Beurteilung des sogenannten Warndreiecks bei Milchkühen kann eine gute Methode sein, um die aktuelle Pansenfüllung zu bewerten. Es gibt einen Hinweis darauf, wie Futter- und Weideumstellungen sowie die Trockenmasseaufnahme bzw. die Passagerate des Futters wirken. Besonders bei Kalbinnen in der ersten Woche nach der Geburt oder bei kranken oder rangniedrigeren Tieren bietet sich der Blick auf das Warndreieck an. Die Pansenfüllung bzw. die Sichtbarkeit des Warndreiecks/der Hungergrube kann in fünf Bewertungsstufen unterteilt werden. Bei Werten von 1 und 2 ist die Hungergrube deutlich sichtbar und die Futteraufnahme ist zu gering, welches auf eine zu schnelle Passagerate des Futters hinweisen kann. Eine Bewertung von 3 und 4 entspricht der Regel bei Früh- und Spätlaktierenden Milchkühen. Die Wölbung hinter der letzten Rippe ist noch sichtbar. Ein Wert von 5 bedeutet, dass keine Wölbung hinter der letzten Rippe sichtbar ist und der Pansen stark gefüllt ist. Es kann darauf hinweisen, dass das Futter zu lange im Vormagen bleibt und die Passagerate zu gering ist.

OBSALIM®-Methode

Obsalim beschreibt eine Methode zur Tierbeurteilung, die in Frankreich von einem Tierarzt entwickelt wurde, allerdings nicht wissenschaftlich erarbeitet wurde, betont Fütterungsberater Hannes Michael bei der Vorstellung der Beobachtungsmethode. Der Begriff Obsalim steht für "observation d’alimentation" und bedeutet übersetzt Fütterungsbeobachtung. Hierbei wird insbesondere auf Veränderungen des äußeren Erscheinungsbildes der Milchkuh geachtet, die Rückschlüsse auf den Stoffwechsel des Tieres geben. Bestimmte Körperbereiche der Tiere werden dabei genau beobachtet und anhand der festgelegten Indikatoren kann eine Diagnose gestellt werden. Für die Begutachtung von Rindern wurden 61 Symptomkarten zur Tieruntersuchung wie z.B. zur Kotbeurteilung auf Schleimig- oder Schaumigkeit, die Färbung der Nase oder die Struktur des Haarkleides entwickelt. In der digitalen App oder auf der offiziellen Website können weitere Informationen zur Diagnostik heruntergeladen werden.

Stimmen zum Farmwalk

"Wir haben heute einen spannenden Betrieb kennengerlernt und sehr viele Infos erfahren. Kombiniert mit dem fachlichen Vortrag war das sehr interessant. Schön war auch die Möglichkeit Kontakte zu knüpfen. Weidehaltung und -management lassen sich am besten verstehen und nachvollziehen, wenn man auf einem Betrieb vor Ort ist. Dadurch ergeben sich neue Kontakte und ein ganz anderer Austausch." (Landwirtschaftskammer Niedersachen)

"Ich fand es sehr interessant. Ich komme aus einer anderen Region. Dieser Betrieb hat andere Voraussetzungen und zum Teil mit anderen Problemen zu kämpfen. Man hat das direkte Gespräch mit anderen. Dadurch überdenkt man auch die eigenen Sachen auf seinem Betrieb. Auch die fachlichen und praktischen Beiträge zum BCS und die Kotuntersuchung ist was anderes, wenn man das in der Gruppe am Tier macht, als wenn man das im Buch nachliest. Man ist direkter dabei und kann es viel besser nachvollziehen." (MuD Tierschutz-Betrieb)

"Der Tag hat mir super gefallen, die Leute waren interessiert und intensiv dabei. Ich hatte von dem Projekt gelesen und gesehen, dass das was für meinen Mann sein könnte. Da hat er gleich gesagt, dass er mitmachen will. Das Projekt hilft, die eigenen Augen zu öffnen und neue Impulse mitzunehmen. Ich kann das nur jedem empfehlen." (MuD Tierschutz-Betrieb)

Ein weiterer Farmwalk fand am 18. Juli 2022 auf dem MuD-Betrieb der Familie Apelt im Sauerland statt, die sich durch ein Vollweidesystem mit saisonaler Blockabkalbung der Kiwi-Cross-Herde auszeichnen.